Donnerstag, 24. Januar 2013

Die Reise zum Seepferdchen

Als ich gestern vor dem Helikopter-Flug noch ein paar Minuten warten musste, durchstöberte ich einige Touristen-Flyer. Dabei entdeckte ich Infos zur "Magical Seahorse Tour" in der "Seahorse Farm" in Kona, auf der anderen Seite der Insel. Das weltweit größte Seepferchen-Zuchtzenter und das einzige dieser Art in den USA. Außerdem gibts dort auch Fetzenfische. Als kleines Kind entdeckte ich ein rotes Stoffseepferdchen mit Spieluhr im Bauch in einem Spielzeuggeschäft in Dorsten und wollte es unbedingt haben. Ich würde es allerdings erst bekommen, wenn ich das Seepferchen-Schwimmabzeichen schaffen würde. Also im Schwimmkurs ratzfatz mit vier Jahren Seepferdchen gemacht und sofort zurück nach Dorsten, das Seepferdchen kaufen. Von da an sammelte ich alles rund um Seepferde und war jedesmal begeistert, wenn ich in einem Aquarium ein lebendes Seepferdchen bewundern konnte. Anfang Dezember wurde auf Galapagos dann unerwartet der lange Traum war ein Seepferdchen auf die Hand nehmen zu können. Während der einstündigen Seepferdchen-Führung in der Seahorse Farm würde man dazu auch Gelegenheit bekommen. Mittlerweile schwimmen Seepferchen seit vielen Jahren im Schatten der prachtvollen Geier, aber natürlich mag ich sie noch immer sehr. Daher wollte ich meinen letzten Tag auf Big Island dazu nutzen dieses Center zu besuchen und das Projekt zumindest mit dem Eintrittsgeld zu unterstützen. Eine schier unlösbare Aufgabe, wenn man keinen Mietwagen hat und am gleichen Tag nach Hilo zurückkommen möchte!!! Lange Zeit tüftelte mein Hostel gestern Abend mit den Busfahrplänen, aber hier gibts nur einen Hauptbus, der sage und schreibe zweimal am Tag fährt! Die Seepferdchen-Führungen sind nur zweimal täglich um 12 und um 14 Uhr, Samstag und Sonntag ist geschlossen. Um die Führung um 12 Uhr zu besuchen, hätte ich den ersten Bus um 3 Uhr morgens nehmen müssen. Guter Witz! Aber die Busse kosten nur einen Dollar pro Strecke, das ist natürlich eine verdammt günstige Reisemöglichkeit. Also um 8 Uhr nahe meiner Lodge rein in den ersten Bus nach Hilo Downtown. Dort konnte ich dann um 9.15 Uhr den zweiten Hauptbus des Tages nehmen, der fast einmal um die Insel herum fährt. Das Hostel hatte mir allerdings gleich gesagt, dass der Bus nicht bis zur Seepferd-Farm fährt und der Busfahrer bestätigte dies. Er würde mich dann aber an der besten Stelle raussetzen. Der Bus war ein relativ gemütlicher Reisebus. Nicht zu vergleichen mit den Horrorbussen in Ecuador: Keine entlaufenen Hühner, die im Bus rumflattern und keine nervigen Verkäufer! Nach drei Stunden Fahrt auf die andere Seite der Insel meinte der Fahrer ich könne hier aussteigen. Einfach nur die Straße runterlaufen, am Highway links abbiegen und dann nochmal rechts. Und dann stand ich da! Gaaanz weit entfernt am Horizont der Flughafen von Kona, hinter dem die Seepferd-Farm direkt am Meer gelegen ist. Und ich hoch oben auf einem Hügel ewig weit entfernt und nur noch eindreiviertel Stunde Zeit bis zur Führung um 14 Uhr. Also den Berg runtergelatscht und bei affig-schwüler Hitze bald schon schmerzenden Beine gehabt. Weit und breit keine Menschenseele, bis ich nach langer, langer Zeit endlich an eine Straßenbaustelle kam, an der zwei Polizisten den wenigen Verkehr regelten. Also den freundlichen Officer gefragt, wie ich denn am besten bis 14 Uhr zu den Seepferden komme. Er hatte sichtlich seinen Spaß und meinte, dass ich das knapp in der Zeit zu Fuß schaffen können - aber ob ich das auch wollte!? Natürlich nicht! Daher hat er mir netterweise ein Taxi gerufen, das allerdings fast eine halbe Stunde brauchte, bis es endlich da war. In der Zeit plauderten der Officer und ich gemütlich über Hawaii, Geier & Co und hatten jede Menge Spaß. Nebenher regelte er weiter den Verkehr. Wenn ich mir vorstelle in Deutschland einen Polizisten bei der Arbeit zu "belästigen"... Irgendwann kam dann das Taxi und der nette Fahrer brachte mich zu den Seepferden. Ich sicherte mir sofort seine Dienste für die Rückfahrt, weil ich nach Ende der Führung nicht allzuviel Zeit hatte um den letzten Bus zurück nach Hilo zu bekommen - und irgendwie muss ich ja erstmal zur Bushaltestelle kommen. Am Tor vor den Seepferden dann der Schock: Eine enttäuschte Touristen kam uns entgegen und meinte die Tour ist ausgebucht. Aaaaaaaaaaaaaaah!!!! Der Fahrer bot mir an ein paar Minuten zu warten und ich rein in den Shop. Keine Chance, Tour ausgebucht. Also Um-die-Wette-bluffen. "Hat Ihre Kollegin denn meine telefonische Reservierung von gestern nicht notiert!?" Nein, hat sie nicht. "Ooooh, das ist aber doof. Bin doch den ganzen Weg um die Insel gereist", letzter Tag, bla bla bla. Die Frau war sehr nett, aber es hatte sich eine große Gruppe angeboten und daher sei alles eh schon überfüllt. Auf einmal kam der Taxi-Fahrer dazu und jammerte die Frau an, dass ich doch soooo sehr Seepferchen mag, extra aus Deutschland hergekommen und um die ganze Insel gefahren bin... Letztendlich hat sie nachgegeben und ich habe mein Ticket bekommen!!! ;-)
Die Tour begann an einem kleinen Shrimps-Teich mitten in den Lava-Felsen der Küste, Seepferdchen-Nahrung. Allerdings winzige Mini-Shrimps, der in die kleinen Rüsselchen reinpasst.
Danach ging es auch schon zur Zuchtstation, in der das Fotografieren leider verboten war. In riesigen Bottichen schwammen tausende Seepferdchen-Babys herum!!! Höchstens einen Zentimeter groß, total winzig. Wir durften sie mit Mini-Shrimps füttern und konnten sehen, wie die Seepferchen den Shrimps in den Rüssel gesaugt hat. So süß!!!
Die Seepferd-Farm ist nicht nur ein Schutzcenter, sondern sie züchten auch Seepferchen für den Verkauf an Aquarium-Liebhaber, damit zu diesem Zweck nicht noch mehr wilde Seepferchen aus den Meeren gefischt werden. Sie sind ja sowieso schon sehr, sehr stark bedroht, vor allem durch den asiatischen Markt, wo ja leider fast jedes Getier als Potenzmittel gefuttert wird :-(
Im äußeren Bereich durften wir dann Fotografieren. In gut 40 riesigen Behältern schwammen hunderte, wenn nicht sogar tausende große Seepferchen herum, bis zu hundert in einem Bottich. Als wir uns um einen Bottich herum versammelten, dachten die Seepferchen sie würden gefüttert und kamen an die Oberfläche.
 
 
Was für niedliche Geschöpfe!!! Kann es noch immer kaum glauben sooooo viele auf einmal gesehen zu haben! Lebende, nicht nur Souvenirs!
Total süß, wie sie sich gegenseitig mit ihren langen Schwänzen umschlangen und gemeinsam durch das Wasser glitten. Dazu die schnellen Bewegungen ihrer Flösselchen und die Chamäleon-ähnlichen Augen, die unabhängig voneinander in unterschiedliche Richtungen glubschen können.
Wir durften auch, wie versprochen, ein Seepferdchen in die Hand nehmen. Dazu sollten wir die Fingerspitzen beider Hände aneinander halten und die Daumen abspreizen, so dass die Seepferde unsere Finger als Korallen akzeptieren. Hände ins Wasser und dann wurde uns von einer Angestellten ein Seepferdchen-Schwanz im wahrsten Sinne des Wortes um den Finger gewickelt. Hätte bis heute nicht geglaubt, dass sich das tolle Erlebnis von Galapagos noch einmal wiederholen würde! Super!!!
 
Die drei wuscheligen Fetzenfische durften wir nur kurz anschauen, aber nicht fotografieren. Fetzenfische sind fast ausgestorben, es gibt sie nur noch in Australien. Nur ein Mensch weltweit ist berechtigt einmal im Jahr einen einzigen Fetzenfisch (immerhin ein schwangeres Männchen) zu Zucht-Zwecken aus dem Meer zu fangen. Unter Sammlern sind Fetzenfische sehr beliebt und die Wartelisten sind lang. Allerdings muss man für diese seltenen Tiere tief in die Tasche greifen, 10.000 Dollar und aufwärts für einen einzigen Fetzenfisch! Die Seepferd-Farm versucht mit ihren gespendeten Tieren eine Zucht aufzubauen, aber das wird noch sehr lange dauern. Natürlich können sie es sich auch nicht leisten sich mehr Tiere zu kaufen.
 In einem Streichelbecken durfte man einiges Meeresgetier anfassen. Ich versuchte mein Glück mit einer Seegurke, weil ich schon immer wissen wollte, wie sich die Viecher anfühlen. Leider gab es dort nur eine kleine, relativ unansehnliche. Nicht zu vergleichen mit dem riesigen Prachtexemplar, das meine Schwester und ich vor Jahren im genialen Monterey Bay Aquarium gesehen haben. Nunja, dieses Vieh hier fühlte sich genauso an, wie es aussieht: Wie ein glibberiges Hunde-Schiss ;-)
  
Unterdessen  schaute aus einem Nachbargehege ein Chamäleon ziemlich spöttisch und Nase-rümpfend auf mich herab. Glubschauge!!!
Und als ich die Aufmerksamkeit von der Seegurke auf das Chamäleon verlagern und das hübsche Ding fotografieren wollte, drehte es sich arrogant um und kletterte hochnäsig von dannen. Dann eben nicht!
Zum Schluss ging es noch in einen weiteren Raum, in dem in vielen kleinen Aquarien die unterschiedlichen Seepferd-Arten umherschwammen.
Eines hübscher als das andere!
 
 
 
Den folgenden Shop hätte ich vor über 20 Jahren hemmungslos leershoppen können, um meine damalige Seepferchen-Sammlung auszuweiten. Aber heute riss ich mich stark zusammen. Vor allem bei den Stofftieren, da ich ja immer noch den großen Geier im Gepäck habe...
Aber zumindest eine hübsche Kette mit Seepferchen-Anhänger habe ich in dem Shop erstanden, als kleine Spende an das Schutzprogramm.
 
Nach einer Stunde war die Führung dann zuende und ich musste auch direkt weiter zu meinem Taxi, das mich zur Bushaltestelle brachte. Schnell noch ein Stück Pizza verschlungen und wieder drei Stunden mit dem Bus zurück. Der Bus war sehr voll und schon bald passte nichts mehr in das große Staufach für Koffer und großes Gepäck. Als dann noch ein fülliges Pärchen einstieg, mussten sie ihren Koffer und die vielen Taschen mit an Bord nehmen, allerdings hätten sie damit unmöglich auf die letzte Sitzbank gepasst. Die wäre ja schon für einen der beiden OHNE Gepäck eng geworden. Also habe ich ihnen angeboten Koffer und Taschen auf den Fensterplatz neben mir zu stopfen, wo die Klimaanlage eh viel zu kalt war. Eigentlich ja eine Selbstverständlichkeit, aber sie waren sehr dankbar. In Downtown Hilo angekommen, fuhr natürlich kein Bus mehr zum Hostel. Naiverweise dachte ich ja dort würden eine Taxen warten, aber nix. Um sieben Uhr war dort bereits tote Hose! Also schnell den Fahrer gefragt, wie ich an ein Taxi komme. Das füllige Pärchen hatte dies mitbekommen und fragte direkt, wo ich denn hinmüsse. Und als Dankeschön für den "Gepäck-Service" fuhren sie mich bis vor die Tür meines Hostels!!! Irgendwie wird doch alles gut!
Alles in allem war der Ausflug so schwachsinnig, dass er schon wieder lustig war. Über vier Stunden Anreise je Richtung, nur um eine Stunde lang Seepferdchen angucken zu können. Aber es hat sich gelohnt! Die Seepferchen waren toll und viele Kindheitserinnerungen wurden wach, während der Fahrt konnte ich noch mehr von der Insel sehen, hier in Hilo hats wieder den ganzen Tag genieselt (also habe ich hier nichts verpasst) und vor allem so nette Zusammentreffen wie mit dem Polizisten oder dem fülligen Pärchen sind einfach klasse!!!

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