Donnerstag, 29. April 2021

Geier-Webinar: Gelingt die Rückkehr des Bartgeiers?

Heute Abend fand eine einstündige online-Infoveranstaltung zur geplanten Wiederansiedlung des Bartgeiers in Berchtesgaden statt. Die Beschreibung der Veranstaltung las sich schon sehr spannend:

 

Luchs und Wolf sind schon zurück, und seit einiger Zeit streift wieder heimlich ein Braunbär durch die bayerischen Alpen. Mehr als 100 Jahre nach seiner Ausrottung soll neben diesen „großen Drei“ der europäischen Beutegreifer auch der größte europäische Greifvogel in die alte Heimat zurückkehren: der Bartgeier. Nach Wiederansiedlungsprogrammen in anderen Alpen-Ländern wollen Vogelschützer im Nationalpark Berchtesgaden in diesem Sommer die ersten Geier zurück in den Himmel über Deutschland bringen.

Das Vorhaben ist Teil eines internationalen Projekts, dem Bartgeier die Wiederbesiedlung seines gesamten ursprünglichen Lebensraums zu ermöglichen. Bis zu seiner Ausrottung durch menschliche Verfolgung kamen Bartgeier flächendeckend von Marokko über Europa bis nach Zentralasien vor. Als reine Aasfresser spielen sie eine wichtige Rolle im Ökosystem, beispielsweise verhindern sie die Übertragung von Krankheiten von Tieren auf Menschen über tote Tiere.

Wie laufen die Vorbereitungen für das wohl spektakulärste Biodiversitäts-Projekt in Deutschland im Jahr der Welt-Naturschutzkonferenz? Welche Bedeutung hat die Rückkehr des Bartgeiers für das Ökosystem Alpen? Was hat sich im Verhältnis zwischen Mensch und Geier seit der Ausrottung des Bartgeiers als vermeintlicher Viehdieb und Kinderräuber verändert? Und natürlich: Wann können wir den ersten Bartgeier im Himmel über den bayerischen Alpen kreisen sehen?

Diese und weitere Fragen unserer Zuschauerïnnen beantworten im RiffReporter-Talk Franziska Lörcher, Biologin und Koordinatorin des internationalen Bartgeierschutzes der Vulture Conservation Foundation (VCF), der Initiator des deutschen Projekts und Vorsitzende des Landesbund für Vogelschutz (LBV), Norbert Schäffer, und der Biologe und Autor einer Machbarkeitsstudie zur Wiederansiedlung in Deutschland, Toni Wegscheider. Moderiert wird die Veranstaltung von Thomas Krumenacker von den RiffReporter-Projekten Die Flugbegleiter und Countdown Natur.

Da ich Franziska Lörcher und Toni Wegscheider persönlich kenne, wollte ich mir den Vortrag natürlich nicht entgehen lassen.

Zunächst stellte Franziska allgemeine Infos zur Ausrottung der Bartgeier in den Alpen vor. Dort wurde nämlich 1913 der letzte Bartgeier im italienischen Aosta-Tal abgeschossen. Bis in die 1980er-Jahre gab es in Europa nur noch weniger als 70 Brutpaare (siehe rote Bereiche auf dem Bild).

In den 1970er-Jahren startete das internationale Bartgeier-Zuchtprogramm, bei dem Bartgeier aus Zoos und von privaten Züchtern verpaart wurden, um den Nachwuchs in den Alpen auswildern zu können. Bis heute wurden im Rahmen des Zuchtprogrammes gut 600 Küken erfolgreich aufgezogen.

1986 wurde schließlich der erste Bartgeier in Österreich ausgewildert und 1997 kam es zur ersten Geburt eines Bartgeierkükens in freier Natur (in Frankreich). Da die meisten ausgewilderten Bartgeier auf wenige Dutzend Bruttiere zurückgehen, ist die genetische Vielfalt nicht sichergestellt. Es müssen daher neue Bartgeier verpaart und neue Brutlinien in unterschiedlichen Gebieten ausgewildert werden, um eine bessere Durchmischung zu erzielen und Inzucht zu vermeiden. Ca. 80 % aller Bartgeier, die in den Alpen freigelassen wurden, stammen aus dem asiatischen Raum ab. Es wurde zu Beginn des Zuchtprogrammes direkt festgelegt, dass keine wilden Bartgeier zur Zucht eingefangen werden, um den Handel mit Bartgeiern direkt zu unterbinden. Heute werden allerdings auch verletzte Tiere, z. B. aus den Pyrenäen, in das Zuchtprogramm mit aufgenommen, wenn sie aufgrund ihrer Verletzungen nicht mehr ausgewildert werden können.

Dank des Wiederansiedlungsprojektes gibt es in Europa derzeit wieder ca. 190 Bartgeier-Paare (50-60 in den Alpen, 120-130 in den Pyrenäen und ein paar wenige in Andalusien und auf Korsika).


Auch wenn dem Bartgeier heute nicht mehr nachgesagt wird, dass er Lämmer oder sogar Kinder tötet und dadurch verfolgt wird, gehen dennoch über ein Drittel aller Todesursachen der 70 verstorbenen Bartgeier auf den Menschen zurück; sei es durch Gift, Stromleitungen, Abschüsse oder Bleivergiftung. Es wird vermutet, dass sogar rund 200 Bartgeier gestorben sind, deren Körper allerdings nicht gefunden wurden.

Das große Ziel der Wiederansiedlung des Bartgeiers ist die Verbindung der einzelnen Populationen quer durch Europa, also von Andalusien über die Pyrenäen zu den Alpen und weiter bis zum Balkan sowie Verknüpfungen zu Korsika, Sardinien und Sizilien. Mittlerweile geht die Anzahl wild geschlüpfter Bartgeierküken zwar rasant nach oben, so dass vor allem die Population in den Alpen eigentlich bereits selbsttragend wäre. Aber zur Steigerung der genetischen Vielfalt und besseren Verbindung quer durch Europa müssen in den folgenden Jahren noch viele weitere Bartgeier gezielt ausgewildert werden.

Toni Wegscheider ergänzte Infos aus seiner Machbarkeitsstudie zur Wiederansiedlung des Bartgeiers in Bayern. Der Bartgeier ist ein historischer Vogel in Bayern, auch wenn die meisten Aufzeichnungen leider von Abschüssen handeln (wie z.B. auf diesem Bild von 1650).

Bartgeier waren hier nie in großen Dichten vorhanden, so dass es sehr leicht war sie auszurotten. Der letzte Abschuss eines Bartgeiers in Bayern erfolgte 1879 im Klausbachtal, im heutigen Nationalpark Berchtesgaden, wo der Bartgeier nun freigelassen werden soll. So gut sich die Bartgeier in den Zentralalpen mittlerweile wieder angesiedelt haben, so schleppend geht der Erfolg in den Ostalpen voran. Dabei sind die Ostalpen gerade als „Tor zum Balkan“ sehr wichtig, um die unterschiedlichen Populationen miteinander zu verbinden.

Im geplanten Auswilderungsgebiet gibt es kaum Gefahren für den Bartgeier, da es weder Windkraftanlagen noch bekannte Vergiftungsvorfälle gibt. Bleivergiftung durch Munitionsrückstände im Aas könnte ein Problem werden, aber hier laufen bereits viele positive Gespräche mit der lokalen Jägerschaft.

In der ersten Juni-Hälfte soll es dann endlich so weit sein und 2 junge Bartgeierkinder, die am 11.03.’21 und 14.03.’21 geschlüpft sind, in einer 20 m breiten und 6 m tiefen Felsnische ausgewildert werden. 


Natürlich müssen sie erstmal nach Deutschland gebracht werden, können sich dann im Tiergarten Nürnberg kurz erholen, werden dort beringt und besendert und dann weiter nach Berchtesgaden gebracht. Bei der Auswilderung sind die jungen Bartgeier noch nicht flügge, sondern haben einige Wochen Zeit sich an ihre Umgebung zu gewöhnen und ihre Muskeln zu stärken. In ihrer Felsnische werden sie rund um die Uhr durch Geierschützer (Parkranger, LBV etc.) überwacht. Außerdem ist die Gegend wie ein Hochsicherheitsgebiet abgeriegelt mit Fotofallen, Infrarot-Kamera & Co. Es gibt zudem eine Livecam, so dass Geierinteressierte per Livestream das Geschehen verfolgen können. Werden die Junggeier kräftiger, so beginnen sie durch Flügelschlag ihre Muskeln zu trainieren und hüpfen flügelschlagend umher. Dieses Verhalten wird genauestens dokumentiert, denn bei ca. 200-250 Flügelschlägen am Tag (nach ca. 3-4 Wochen) steht das erste Ausfliegen kurz bevor. In dieser Zeit, aber auch Wochen bzw. Monate nach dem Ausfliegen werden die Geier regelmäßig mit Futter versorgt, um eine gesunde Entwicklung sicherzustellen. Auf diese Weise steht ihre Überlebenschance im ersten Jahr bei gut 90 %, das zweite Jahr überleben ca. 96 %.

Es wird nicht erwartet, dass sich die Bartgeier später in Bayern ansiedeln, sondern wie ihre Artgenossen auf Rundflug gehen und die Gegend verlassen. Je mehr Bartgeier allerdings in den Ostalpen unterwegs sind, desto attraktiver werden die Ostalpen für ihre Artgenossen und vielleicht kann die Verbindung zum Balkan tatsächlich mittelfristig hergestellt werden.

Aktuell haben die beiden Küken nur Kennnummern, aber im Rahmen der Auswilderung werden sie von zwei Namenspaten ihre Namen erhalten. Ein Pate wird eine Schulklasse aus Berchtesgaden sein, um die lokale Bevölkerung und vor allem den Nachwuchs in dieses tolle Projekt mit einzubeziehen. Der zweite Pate ist die Süddeutsche Zeitung, die das gesamte Projekt sehr eng begleitet und immer wieder darüber berichtet.

Herr Schäffer wies darauf hin, dass das Projekt u.a. durch das Bayerische Umweltministerium und die Umweltstiftung HIT finanziert wird. Natürlich ist ein solche Projekt nur mit Hilfe vieler Kooperationspartner möglich wie der VCF, dem Tiergarten Nürnberg, dem Nationalpark Berchtesgaden und weiteren. Für die 1. Phase des Bartgeier-Projektes wird von 2020-2023 ca. 1 Mio. € zur Verfügung gestellt. Für ein Naturschutzprojekt bei weitem keine kleine Summe! Herrn Schäffer kannte ich bisher nicht, aber seine Begeisterung für das Projekt und den Bartgeier als beeindruckende, wunderschöne Tierart war deutlich zu spüren. So gefiel mir auch seine Aussage: „Der Nationalpark Berchtesgaden könnte ohne den Bartgeier leben. Aber mit ihm ist er viel, viel besser!“

Im Anschluss an die Vorträge blieb viel Zeit für die spannenden Fragen, die aus dem Publikum über den Chat gestellt wurden. Weil auch für mich so viele neue Infos und interessante Anregungen dabei waren, kam ich mit dem Mitschreiben kaum hinterher. Einige Informationen habe ich bereits weiter oben ergänzt, weitere folgen hier:

Welche Strecken legen Bartgeier zurück? Junge Bartgeier machen vor allem im Frühling große Streifzüge durch die Alpen und sogar länderübergreifend quer durch Europa. 400-500 km am Tag sind dabei keine Seltenheit. Aktuell treibt sich sogar einer der besenderten Bartgeier am Containerhafen in Rotterdam herum, was allerdings eher ungewöhnlich ist.

Vertragen sich Bartgeier, Gänsegeier und Steinadler? In den letzten 3 Jahrzehnten gab es kaum Berührungspunkte, da der Mensch alle drei Arten praktisch ausgerottet hatte. Ansonsten verstehen sie sich allerdings gut, da sie alle ihre eigene ökologische Nische haben. Steinadler jagen, Bartgeier und Gänsegeier fressen nur Aas. Gänsegeier ernähren sich zwar wieder Steinadler vorwiegend von Fleisch, kommen aber in Bayern gar nicht regulär vor und werden daher dort auch nicht ausgewildert. Der Bartgeier ernährt sich fast ausschließlich von Knochen und räumt daher auf, was der Steinadler übrig gelassen hat. Außerdem fällt in den Bayern viel Aas auf natürlichem Wege an. Zur Fütterung der jungen Bartgeier werden übrigens keine Tiere extra geschossen. Die Nahrung besteht aus Gämsen, die im Nationalpark regulär und mit bleifreier Munition geschossen wurden und nachdem alles für den Menschen nutzbare Fleisch entnommen wurde. Somit konnte bereits jetzt fast alles Futter angesammelt werden, was die Geier in den kommenden Monaten zugefüttert bekommen. Konkurrenz gibt es höchstens bei der Suche nach Brutplätzen. Bartgeier nutzen gerne mal einen alten Adlerhorst. Da allerdings je Revier ca. 10 Adlerhorste vorhanden sind, haben die Steinadler genug Alternativen zu Auswahl.

Welche Gegenden außer Berchtesgaden sind für Geier in Deutschland geeignet? Der Alpenraum ist für den Bartgeier am besten geeignet, da er große, baumfreie Reviere benötigt, in denen er sich mit seinen riesigen Flügeln von fast 3 m Spannweite nach Futter umsehen kann. Auch der Balkan mit seinen großen Karstgebirgen ist gut geeignet. Gänsegeier waren in den Alpen keine gesichteten Brutvögel. Sie kamen im Mittelalter allerdings z.B. auf der Schwäbischen Alb in Baden-Württemberg vor, als es dort noch nicht durchgängig bewaldet war und Nutztierkadaver auf dem Feld liegen bleiben durften. Seit Kadaver nicht mehr liegen gelassen werden dürfen, verschwand das Nahrungsangebot und somit auf der Gänsegeier.

In Asien starben Millionen von Geiern aufgrund von Diclofenac und vor kurzem ist auch in Europa der erste Mönchsgeier nachweislich an Diclofenac gestorben. Besteht auch in Berchtesgaden die Gefahr, dass beim Auslegen von Nutztierkadavern Diclofenac verfüttert wird? Gänsegeier und Mönchsgeier sind mehr gefährdet, da sie sich vorwiegend von (Großtier-)Kadavern ernähren. Bartgeier hingegen fressen lieber (alte) Knochen, so dass hier die Gefahr deutlich geringer ist. Die größere Gefahr geht von bleihaltigen Munitionsrückständen aus, die auch von Bartgeiern gefressen werden könnten. Stand heute ist noch kein Verlust eines Bartgeiers aufgrund von Diclofenac verzeichnet worden. Da der Bestand so gering ist, können keine Verträglichkeitsversuche durchgeführt werden wie bei Geierarten mit deutlich mehr Exemplaren. Es wurden allerdings bereits Bartgeier-Verluste durch Carbofuran in Spanien dokumentiert. Dort wurde das tödliche Insektizid jedoch vermutlich eingesetzt, um Raubtiere wie Wölfe oder Füchse zu töten und nicht speziell den Bartgeier.

Wie viele Bartgeier-Brutpaare können sich ökologisch in den bayerischen Alpen ansiedelt und nach wie vielen Jahren spricht man von einem Erfolg? Es wird nicht erwartet, dass Bartgeier in Berchtesgaden brüten werden. Die Fläche reicht maximal für ein Brutpaar aus, so dass die ausgewilderten Bartgeier eher als Grenzpopulation zu Österreich gesehen werden. Die Laufzeit des Projektes wird auf 10 Jahre geschätzt, bis Auswilderungen nicht mehr nötig sein werden und sich in der weiteren Umgebung Paare bilden, die so viel Nachwuchs aufziehen, wie normalerweise pro Jahr ausgewildert werden würden. Es soll definitiv keine Konkurrenz der wilden Population durch Auswilderungen geben. Ggfs. könnten später weiter im Osten in einem neuen Gebiet zusätzliche Auswilderungen stattfinden. Im Tiroler Lechtal gibt es bereits ein Bartgeierpaar, dass durch seine Anwesenheit vereinzelt umherziehende Bartgeier anzieht.

Wie alt können Bartgeier werden? Der älteste bekannte, brütende Bartgeier in den Alpen ist die 33-jährige Alexa im Hohen Tauern Nationalpark.

Der Bartgeier galt lange Zeit als Gefahr für Nutztiere und Menschen. Zum Abschluss der Veranstaltung wurden die 3 Referenten daher gefragt, war sich seitdem geändert hat und warum der Bartgeier plötzlich so positiv gesehen wird: Das Leben einzelner Personen hängt nicht mehr vom Tod von ein oder zwei Schafen ab, so dass nicht mehr verzweifelt ein Schuldiger gefunden werden muss. Die Menschen wissen heute deutlich mehr als früher und wertschätzen die Natur.

Ich bin wirklich begeistert, wie viele spannende Informationen in diese leider nur einstündige Veranstaltung gepackt waren und hätte noch stundenlang weiter zuhören können. Die Zusammenfassung möchte ich abschließen mit Franziskas Worten, denen ich mich nur anschließen kann: „Jeder sollte selbst erfahren können, wie ein Bartgeier fliegt und einen mit seinen roten Augen beäugt, aber dabei nicht gefährlich wird!“

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