Freitag, 21. Januar 2022

Lebenszeichen von Bavaria nach zwei Monaten Funkstille

Seit November ausgefallener Sender wieder aktiv – Erfreuliche Flugdaten aus der österreichischen Hochschwabgruppe

von David Schuhwerk, 21.01.2022

Erleichterung beim gemeinsamen Bartgeierteam des bayerischen Naturschutzverbands LBV und des Nationalpark Berchtesgaden: Der seit fast zwei Monaten verstummte GPS-Sender von Bavaria ist wieder aktiv. „Da fällt einem schon ein Stein vom Herzen“, freut sich LBVProjektleiter Toni Wegscheider. „Wir hatten nie Grund zur Annahme, dass es Bavaria nicht gut geht, aber natürlich hofft man ständig auf ein Lebenszeichen. Zumindest konnten jetzt die Solarzellen des zwischenzeitlich leider vollkommen entladenen Akkus immerhin wieder einen Ladestand von drei Prozent aufbauen“, so der stellvertretende Nationalparkleiter und Projektleiter Ulrich Brendel. Die bisherigen Flüge der zusammen mit Bavaria im Sommer 2021 zweiten ausgewilderten Bartgeierdame Wally konnten dagegen, trotz kleiner technischer Probleme, weitgehend lückenlos überwacht werden. Das öffentliche Interesse an den beiden ersten in Deutschland ausgewilderten Bartgeiern über 100 Jahren nach ihrer Ausrottung war und ist so groß, dass nach dem Ausfall des Senders am 24. November 2021 eine Vielzahl besorgter Nachfragen bei LBV und Nationalpark eingegangen sind. Umso schöner nun die offizielle Entwarnung: beiden Bartgeierdamen geht es gut. Alle ihre Flugrouten können weiterhin auf unserer Webseite mitverfolgt werden.

Bavarias Sender konnte nach langer Zeit wieder Positionssignale übermitteln © Markus Leitner

Altbekannte Aufenthaltsorte

Bei den derzeitig schwierigen Nahrungsbedingungen halten sich Wally und Bavaria in für sie bekannten Gebieten auf. Bavaria ist aktuell in der Hochschwabgruppe in der Steiermark, wo sie bereits im Oktober auf ihrem Weitflug bis vor die Tore von Wien war. Das Gebiet ist bekannt für seine guten Gams- und Steinbockbestände. Auch Wally ist mehr oder weniger systematisch in den letzten zwei Wochen ihre bisherigen Aufenthaltsorte, unter anderem an der Watzmann-Ostwand und dem Pass Lueg, abgeflogen, wo sie schon zuvor Nahrung gefunden hatte. „Es scheint ein Verhalten unserer Geier zu sein, dass sie sich bei schwierigen Nahrungsbedingungen auf vertrautes Gebiet verlassen“, erklärt Toni Wegscheider.

Neben dem gemeinsamen Bartgeierteam zeigte sich auch die Online-Fangemeinde von Wally und Bavaria, die zuvor jeden Ortswechsel der GPS-Daten im Gästebuch auf der Webseite des LBV genau verfolgt hatte, vom Ausbleiben weiterer Ortungen sehr beunruhigt. Um die Flugwege von Bavaria trotz Senderausfalls mitverfolgen zu können, bat der LBV öffentlich um Meldungen von möglichen Bartgeierbeobachtungen – mit überwältigender Resonanz. „Die Menge an eingehenden Nachrichten aus ganz Deutschland und Österreich hat uns verblüfft“, erzählt Toni Wegscheider. Die Anteilnahme war dabei so groß, dass dutzende Fotos von Seeadlern aus Brandenburg, Steinadlern aus Salzburg und selbst eines Storchs aus Bayern als potenzielle Bartgeiersichtungen die Naturschützer erreichten. Und obwohl mehrere vielversprechende Beobachtungen vor allem aus den Salzburger Alpen gemeldet wurden, blieb doch ein eindeutiger Nachweis wie etwa ein Foto mit erkennbarer Flügelmarkierung von Bavaria aus.

Ob man die beiden Großkusinen noch einmal nebeneinander fliegend, sehen wird? © Markus Leitner

Immerhin konnte Bavaria einige Tage nach dem letzten Signal noch einmal eindeutig und bei bester Gesundheit von einem Jäger beobachtet werden. „In langjährigen Studien wurde festgestellt, dass ausgewilderte Bartgeier im Alpenraum eine Überlebensrate von fast 90 Prozent haben. In den Jungvögeln ist bereits das gesamte biologische Verhalten abgespeichert, so dass diese bei der Auswilderung sehr gut ohne Elternvögel zurechtkommen“, erklärt Nationalparkleiter Dr. Roland Baier. Durch die ununterbrochen eingehenden Senderdaten und Beobachtungen von Wally wusste das Team, dass diese immer ausreichend Aas, meist abgestürzte Gämsen, im Umfeld des Nationalparks finden konnte. Und auch Bavaria hatte auf einem mehrwöchigen Flug quer durch die Ostalpen im Spätherbst bewiesen, dass sie ebenfalls bestens für ein Überleben in freier Wildbahn geeignet ist.

Das Betreuerteam des bis ca. 2030 laufenden Projekts arbeitet bereits an Lösungen, um solche technischen Probleme zu beheben. Die nächsten, wohl im Juni 2022, im Nationalpark Berchtesgaden auszuwildernden Geier, tragen dann hoffentlich stabiler funkende Sender, um sowohl den vielen Interessierten als auch den Verantwortlichen bei LBV und Nationalpark ähnliche Sorgen wie in den letzten Wochen bei Bavaria zu ersparen. Im Rahmen der Zucht junger Bartgeier für die kommende zweite Auswilderung im Juni im Nationalpark Berchtesgaden ist im Europäischen Erhaltungszuchtprogramm (EEP) bereits der erste Jungvogel dieses Jahr geschlüpft. Beim Brutpaar im Tiergarten der Stadt Nürnberg warten alle beteiligten Projektpartner weiterhin gespannt auf die erste Eiablage.

Mit freundlicher Genehmigung des LBV. Weitere spannende Infos findet ihr im Bartgeier-Blog des LBV!

Donnerstag, 20. Januar 2022

Schmuggler mit 7 Schmutzgeiern gefasst

Gestern konnte ein schrecklicher Fall von Tierschmuggel mit sieben Schmutzgeiern in Indien verhindert werden.

In einem Schlafwagen der zweiten Klasse des Sultanpur-Mumbai Superfast Express Zuges beschwerten sich Passagiere über einen fauligen Geruch und Vogelstimmen. Daraufhin schritt ein Team der Zugsicherheit und des State Forest Department ein, um nach dem Rechten zu schauen. Bei der Durchsuchung des Waggons wurden sieben Schmutzgeier, eingewickelt in Plastiktüten, sichergestellt.

© Twitter/ Anuraag Singh/ @anuraag_niebpl

© Forest Department

© Twitter/ Anuraag Singh/ @anuraag_niebpl

Der Schmuggler, ein 60-jähriger Mann, wurde festgenommen und mit den Geiern zur Polizeiwache gebracht. Während des Verhörs erklärte er, dass ihm die Geier am Bahnhof von einem weiteren Beteiligten übergeben wurden, um diese gegen Bezahlung nach Malegaon zu bringen. Es wurde ein Kriminalfall wegen Wildtierverbrechens eröffnet und die Geier an das State Forest Department übergeben. Im Falle einer Verurteilung winkt eine Strafe von bis zu sieben Jahren Gefängnis! Das wäre doch mal eine tolle Ansage!

Update: 31.01.2022

Die Ermittlungen im Kriminalfall zeigen erste Ergebnisse: Fünf Tage, nachdem der Schmuggler auf frischer Tat ertappt wurde, wurde auch sein Sohn verhaftet, der ebenfalls in den Schmuggel involviert war. Die geschmuggelten Geier stammen laut seiner Auskunft aus der Anwarganj in Uttar Pradesh (Kanpur). Aufgrund einiger Schlachthäuser siedeln sich dort immer wieder stark bedrohte Schmutzgeier an. Leider wurden dadurch auch bereits bekannte Vogelschmuggler auf den Plan gerufen, die die Geier einfingen und an die gefassten Kuriere übergaben. Er stellte sich heraus, dass die beiden ebenfalls Schildkröten schmuggelten. Diese waren im selber Zug unterwegs, allerdings in einem anderen Waggon, so dass sie am Tattag nicht entdeckt wurden. Leider konnten sie trotz ausführlicher Untersuchungen nicht mehr nachträglich gefunden und gerettet werden. Aufgrund der Aussagen von Vater und Sohn wurden zudem einige Razzien in Maharashtra und Uttar Pradesh durchgeführt, aber ohne Erfolg. Die Mittelsmänner blieben genauso verschwunden wie die übrige Schmuggelware.

Es wird vermutet, dass die Schmutzgeier an Händler weitergegeben werden sollten, die auf den Schmuggel exotischer und geschützter Tierarten spezialisiert sind. Häufig verkaufen sie die Tiere zu horrenden Preisen an Sammler, die diese als Haustiere nutzen, oder an dubiose Falkner und Zoos, z.B. im Mittleren Osten.

Laut Facebook-Eintrag der Vulture Conservation Foundation verlief die medizinische Untersuchung der Schmutzgeier sehr positiv. Alle Geier waren fit und konnten durch das State Forest Department in ihrem Heimatgebiet ausgewildert werden.

Ausgewilderter Bartgeier in der Schweiz verunfallt

Der 2021 in der Schweiz ausgewilderte Bartgeier Donna Elvira ist laut neuester Meldung der Vulture Conservation Foundation (VCF) leider mit einem Transportkabel in den Schweizer Alpen kollidiert und hat dabei schwere Verletzungen erlitten.

Donna Elvira nach ihrer Rettung © Franz Röthlin, VCF-Webseite

Weibchen Donna Elvira schlüpfte im durch die VCF koordinierten, spanischen Bartgeierbrutcenter Guadalentín. Aufgrund ihrer besonderen genetischen Linie war sie eine perfekte Kandidatin für eine Auswilderung in den Alpen, wo genetische Vielfalt wichtige denn je ist. Durch die Stiftung Pro Bartgeier wurden sie im Juni 2021 in Huetstock nahe Melchsee-Frutt ausgewildert, dem 30. Jubiläumsjahr der Wiederansiedlung des Bartgeiers in den Schweizer Alpen.

Donna Elvira am Tag ihrer Auswilderung © Hansruedi Weyrich, VCF-Webseite

Dank ihre GPS-Senders konnte ihre monatelange Reise durch die Schweiz beobachtet und dokumentiert werden.

Donna Elviras Flugroute seit ihre Auswilderung © Stiftung Pro Bartgeier, VCF-Webseite

Die GPS-Daten der getrackten Geier werden täglich gecheckt. Dabei fielen ihre ungewöhnlichen Flugbewegungen auf. Außerdem übernachtete sie offenbar auf einer Wiese, was für Bartgeier sehr unüblich ist. Sofort rückte ein Rettungsteam der Stiftung Pro Bartgeier aus und entdeckte den schwer verletzten Vogel im Schnee.

Rettungsmission im Schnee © Franz Röthlin und Daniel Burch, VCF-Webseite

Rettungsmission im Schnee © Daniel Burch, VCF-Webseite

Sofort wurde die unglückliche Bartgeier-Dame in den Tierpark Goldau gebracht, wo sie untersucht und medizinisch versorgt wurde. Dabei wurde festgestellt, dass sie sich aufgrund einer Kollision mit einem Transportkabel mehrere Knochenbrüche zugezogen hatte. Die erste Woche verlief ganz gut, einige der inneren Verletzungen heilen langsam und sie kann sich mittlerweile wieder eigenständig ernähren. Dennoch bestehen große Zweifel, dass die Geier-Dame sich vollständig erholt und wieder ausgewildert werden kann.

Donna Elvira in sicherer Obhut © Tierpark Goldau, VCF-Webseite

Update 07.02.2022:

Donna Elvira konnte mittlerweile in die Außenvoliere des Tierpark Goldaus umziehen und befindet sich weiterhin auf dem Wege der Besserung. Da ein ganzer Schulterwirbel kaputt ist, wird sie allerdings vermutlich nie wieder 100 %ig flugfähig sein. Damit wäre eine erneute Auswilderung leider ausgeschlossen.

Samstag, 1. Januar 2022

Traurige Erinnerung an 13 Kalifornische Kondore

2021 war leider kein gutes Jahr für die Kalifornischen Kondore im Zentralküsten-Schwarm um Big Sur, Pinnacles und San Simeon. Leider verstarben 13 wunderschöne Exemplare, die meisten von ihnen an Bleivergiftung.

© Tim Huntington

Aufgrund der Corona-Pandemie war bleifreie Munition kaum verfügbar, was zu einem deutlichen Anstieg der Bleivergiftungen bis September geführt haben könnte. Nach September gab es allerdings keine weiteren Verluste, so dass dieser Negativtrend hoffentlich beendet ist. Außerdem helfen hierbei Aufklärungsarbeiten, Anpassung der Munitions- und Jagdgesetze, Gratis-Verteilung bleifreier Munition sowie hoffentlich auch bald wieder steigende Verfügbarkeit dieser.

Außerdem gibt es tolle Kondor-Schützer, wie die Ventana Wildlife Society (VWS), die unermüdliche Kalifornische Kondore gegen Bleivergiftung behandeln und wieder gesundpflegen.