Auf der Webseite der Vulture Conservation Foundation
(VCF) wurde heute eine tolle Fotostrecke
von einem Bartgeier-Brutprogramm in Südafrika geteilt mit spannenden
Informationen zum Bruterfolg aus 2021.
In Europa haben sich einige Bartgeier-Brutcentren seit
vielen Jahren etabliert und liefern wertvolle Nachzuchten zur Wiederansiedlung
des Bartgeiers in freier Natur. Hierzu gibt es viele erfahrene Brutpaare und
Ammengeier, die sich liebevoll um den Nachwuchs kümmern. Im Brutcenter in
Südafrika gibt es hingegen derzeit kein Brutpaar. Wie also kann so ein
Brutprogramm erfolgreich sein?
Die Bartgeier-Unterart Gypaetus barbatus meridionalis,
die nur in Südafrika und Lesotho beheimatet ist, gilt als kritisch vom
Aussterben bedroht. Nachdem die Population in jüngsten Jahren um über 30 %
zurückgegangen ist, musste endlich gehandelt werden, um die noch verbliebene
isolierte Population in den Maloti-Drakensberg Mountain zu erhalten. Hierbei
entstand auch das Bartgeierschutz- und Brutprogramm.
2015 beschloss das bilaterale (Südafrika/Lesotho) Bearded
Vulture Recovery Programme der Bearded Vulture Task Force die Gründung
einer Zuchtpopulation im Süden Afrikas. Hierzu startete das African Raptor
Centre nahe Durban schließlich das Programm Bred4theWild. Dieses
Programm folgt den gleichen Richtlinien wie das Europäische
Bartgeier-Zuchtnetzwerk, das durch die VCF koordiniert wird.
Ziel des Programmes im südlichen Afrika ist die Bildung
einer genetisch vielfältigen Zuchtpopulation von 20-30 nicht verwandten
Gründergeiern in den nächsten Jahren. Die Nachzuchten dieser Geier sollen
ausgewildert werden und zum Erhalt der wilden Population beitragen. In 2015 gab
es nur einen erwachsenen Bartgeier in Gefangenschaft, der aus dem Besitz eines
Wunderheilers konfisziert wurde. Das Weibchen erhielt des Namen Lesli. Um
trotzdem ein Brutprogramm starten zu können, werden nun Eier aus Nestern wilder
Bartgeier entfernt und in dem Brutcenter künstlich bebrütet. Dies ist möglich,
da Bartgeier normalerweise zwei Eier legen, aber nur ein Küken großziehen. Bei
Bartgeiern ist nämlich der Kainismus weit verbreitet, bei dem das ältere Küken
das jüngere tötet, um selber genug Nahrung von seinen Eltern zu erhalten.
Im folgenden Text werden die Geier durch eine Brutsaison
begleitet.
Start der Brutsaison in freier Natur
In der südlichen Hemisphäre ist die Paarungs- und
Nestbauzeit im April und Mai. Mitte Juni werden die Eier gelegt, aus denen nach
rund 54tägiger Brutphase die Geierküken schlüpfen. In dieser Zeit suchen die
Mitglieder des Bearded Vulture Recovery Programme nach wilden Nestern in den
Maluti-Drakensberg Mountain und beobachten die Brutaktivitäten.
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| Nest-Cam-Foto eines bekannten Bartgeier-Brutpaares © Dr
Sonja Krüger/ Ezemvelo KZN Wildlife |
Sammeln der Eier
Ende Juli beginnt die Zeit, in der die Zweitgelege der
Bartgeier eingesammelt werden. Hierzu klettern die erfahrenen Geierschützer in
unwegsamem Gelände zu den wilden Geiernestern und entfernen jeweils ein Ei. Auf
sicherstem und schnellstem Weg werden die Eier in das African Raptor Centre
zwecks künstlicher Inkubation gebracht. Entgegen aller Erwartungen konnten 2021
sogar sieben statt erhoffter sechs Eier gesammelt werden.
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| Abseilen zum Geiernest und Bild eines Nests mit zwei Eiern ©
African Raptor Centre |
Bebrütung der eier
Da es derzeit keine Geiereltern für eine natürliche
Bebrütung im Brutzentrum gibt, müssen die Geier künstlich im Inkubator bebrütet
werden. Viermal täglich werden die Eier von den Geierschützern zwecks
Temperaturschock herausgeholt und für kurze Zeit der Außentemperatur
ausgesetzt. Dies ist eine Vorgabe der VCF und dient dem Gasaustausch (CO2
und O2) sowie der Entwicklung des Embryos. Es simuliert den Moment,
bei dem Geiereltern in freier Wildbahn den Platz im Nest auf dem Ei tauschen
und dabei ebenfalls das Ei für kurze Zeit ungeschützt lassen.
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| Eier bei Außentemperatur zwecks Temperaturschock © African
Raptor Centre |
Beobachtung der Eier
Jeden Abend werden die Eier durchleuchtet, um die
Entwicklung des Embryos zu untersuchen. Diese Beleuchtung wird im Englischen „candled“
genannt. Hierbei wird am breiten Ende des Eies eine spezielle Lampe angehalten
und somit Entwicklung und Bewegungen des Embryos sichtbar gemacht. Dabei kann
nach einigen Tagen auch herausgefunden werden, ob das Ei überhaupt befruchtet
ist. 2021 war eines der sieben Eier leider unbefruchtet.
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| Die Beleuchtung des Eies zeigt den dunklen Embryo und den
gut entwickelten Luftsack rechts im Bild © African Raptor Centre |
Der Schlupf
Sobald das Küken den Luftsack durchbricht, kann man es aus
dem Ei heraus fiepen hören. Ich kann mich noch richtig gut an diesen magischen
Moment vor vielen Jahren in Südafrika erinnern, als zum ersten Mal ein Ei mit
mir „gesprochen“ hat. Das süßeste Geräusch, das ich je gehört hatte! Ein ganz
besonderes Erlebnis!!! Nun muss das Ei rund um die Uhr beobachtet werden, um
beim Durchbrechen der Eischale notfalls unterstützt zu werden.
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| Drei Küken versuchen gleichzeitig die harte Eierschale zu
durchbrechen © African Raptor Centre |
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| Winzige Geierküken © African Raptor Centre |
Kükenaufzucht
Um die Küken gesund und munter großzuziehen, werden drei
Techniken angewendet: Fütterung mit einer Geierhandpuppe, Sozialisierung mit
weiteren Geierküken und Bekanntschaft mit einem erwachsenen Geier.
Fütterung mit einer Geierhandpuppe
Eine Woche nach dem Schlupf können Geierküken registrieren,
wer sie füttert. Damit sie sich nicht auf Menschen prägen, werden sie von nun
an mit einer Geierhandpuppe gefüttert, die einem Elterngeier nachempfunden ist.
Den Menschen können sie dabei nicht sehen.
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| Fütterung mittels Geierhandpuppe © African Raptor Centre |
Sozialisierung mit weiteren Geierküken
Geierküken fühlen sich wohler, wenn sie Artgenossen um sich
haben. Daher werden die Geierküken jeweils in Sichtweite aufbewahrt, allerdings
mit Barrieren, damit sie sich nicht gegenseitig verletzen können.
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| Mehrere Geierküken in Sichtweite © African Raptor Centre |
Bekanntschaft mit einem erwachsenen Geier
Im Alter von 20 Tagen können Geierküken selber ihre
Körperwärme regulieren. Dies ist der Moment, wenn sie in eine Außenvoliere
umziehen dürfen. Dort sitzen sie dann in einer nachgebauten Felshöhle und
können – sicher geschützt durch eine Plexiglaswand – einen erwachsenen
Bartgeier beobachten und Verhaltensmuster von ihm erlernen.
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| Erwachsener Geier in Sichtweite © African Raptor Centre |
Geschlechtsbestimmung
Mittels Blutprobe kann das Geschlecht der Geierküken
bestimmt werden. Von den sechs geschlüpften Küken wurden drei Männchen und drei
Weibchen identifiziert. Gerade in Brutprogrammen ist eine halbwegs gleiche
Verteilung von Männchen und Weibchen sehr wichtig, wenn es um die spätere
Verpaarung möglicher Bruttiere geht. Aktuell befinden sich etwas mehr Weibchen
als Männchen in diesem Brutprogramm.
Beobachtung der Entwicklung
Jede Woche werden die flauschigen Küken gewogen, ihre
physische Entwicklung bewertet und mit den Idealgewichten der VCF-Vorgaben
verglichen.
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| Wiegen und Dokumentation der Kükenentwicklung © African
Raptor Centre |
Je weiter die Entwicklung, desto mehr geht der Flaum in
graue und weiße Federn über. An Nacken und Hinterkopf hält sich der Flaum etwas
länger. Außerdem wird die Lederhaut der Augen sichtbar, der charakteristische
rote Ring.
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| Im Alter von 4-5 Wochen kann das Küken stehen © African
Raptor Centre |
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| Mehr Federn statt Flaum © African Raptor Centre |
Endlich flügge
Im Alter von 3 Monaten sind die Geierküken so weit
entwickelt, dass sie untereinander und mit dem erwachsene Geier zusammengeführt
werden können.
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| Die Junggeier sind endlich flügge © African Raptor Centre |
Anfang Dezember verlassen die Junggeier ihr Nest und sind
endlich flügge.
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| Bartgeierkinder im Alter von 6 Monaten © African Raptor
Centre |
Die Brutsaison 2021 war für die Programm-Partner ein
Riesenerfolg! Meinen herzlichen Glückwunsch!!!